Anne Marie Carl-Nielsen
1932-04-11
Transcription
Bergania, Klein Asien,
Assar i atika tafriyat
- VI. 1932.
Liebe und verehrte Frau Nielsen.
Ich schreibe Ihnen von meinem geliebten Pergamon, nachdem ich eine schwere, sorgenvolle und arbeitsreiche Zeit in Berlin überstanden habe, einer Zeit erneuter Vernichtung der wenigen Vermögensreste, die nach dem Krieg, der Inflation & der Bankerotterklärung so vieler alter Unternehmungen übrig war. Von alle den Verwüstungen, die der plötzliche oeconomische Angriff Frankreichs gegen unsere Finanzen verursacht hat, kann man sich im Ausland kaum einen Begriff machen. Es ist ganz fraglich, ob // wir unser Berliner Haus noch behalten können.
Ich schreibe dies alles, damit Sie es ein wenig verstehen, dass ich erst heute dazu komme, Ihnen zu schreiben, Ihnen zu danken. Mit tiefstem Mitgefühl und inniger Teilnahme erfuhr ich erst aus Ihren Zeilen, dass Carl Nielsen nicht mehr ist! Unvergesslich wird mir seine feine, liebe Künstlerpersönlichkeit bleiben, die etwas so reines, vom Alltag ganz losgelöstes hatte. Wahrlich ein seltener Mensch, und in seiner stillen Art so unendlich sympatisch! Wie freut’s mich, dass er den Höhepunkt der Anerkennung erlebt hat, dass ihn sein Vaterland so geehrt hat und nicht weniger // das Ausland. Auch dass der Tod ihn nicht langsam dahingenommen hat, sondern in kurzem Leiden. Denn diese Angina pectoris kann furchtbare Formen annehmen. Sie haben, verehrte Freundin, mit diesem edelen Mann alle Schicksale, Freuden und Sorgen geteilt, und Sie haben das Glück und den Trost, dass Sie nun seine durchgeistigsten Züge im Kunstwerk festhalten dürfen, dass für die Oeffentlichkeit bestimmt ist. Und vor vielen anderen haben Sie das voraus, dass Sie in den Klängen seiner Kompositionen seine feinsten und höchsten Empfindungen vernehmen können. Für Sie Hier wird das Grab nicht alles rauben können, wie bei so vielen anderen Hinterbliebenen. Und doch fühle ich mit Ihnen tief, wenn Sie von der Stille im Musikzimmer schreiben // und ich sehe ihn auf dem Platz am Flügel, sein gütiges Gesicht von der Lampe beleuchtet. Es gibt nur einen wirklichen Trost. Das ist: das Leben ist viel zu kurz als dass man von langer Trennung reden könnte. Wie bald ist man wieder vereint, sei es in tiefster Ruhe, wo nicht einmal ein Traum uns weckt, sei es in einer höheren Form des seelischen Daseins, auf die so viele Menschen hoffen und das sich bei den Hellenen im Mythos von Eros und Psyche ausspricht. Ihnen, verehrte Freundin, bleibt Ihre vielbewunderte Künstlerschaft; möge die Arbeit Ihnen helfen, den Schmerz zu besiegen. Wenn uns ein liebes Wesen verläßt, so ist es zuerst doch den Dank zu Gott, dass er ihn uns dieses Geschenk gegeben hat und dass man es so lange behalten dürfte. Wir sind ohne Macht und müssen uns in Demut beugen und weiter lebend unsere Pflicht tun. Meine Frau schliesst sich innig den Worten an, mit denen ich Ihres lieben Mannes heute gedenken wollte. Ich erwarte sie in wenigen Tagen, da sie krank [i venstre margen på sidste side:] in Berlin zurückbleiben musste. In herzlicher Freundschaft Ihr Theodor Wiegand.