Anne Marie Carl-Nielsen
1905-05-18
Transcription
Foroven til venstre på begge ark papir er trykt: M. S.
Blasewitz, d. 18. Mai 1905
Liebe, verehrte Frau Nielsen,
was müssen Sie von uns denken, entschuldigen kann ich mich nicht – dazu habe ich keinen Grund – aber ich hoffe, Sie sind uns nicht zu böse. Sie haben mir und meinen Schwestern mit den wundervollen Photographien eine übergrosse Freude gemacht – wir danken Ihnen viel tausendmal, dass Sie so freundlich unserer gedacht haben. Ich lasse mir meine Photographie jetzt einrahmen und wenn ich sie dann vor mir habe und immer anschauen kann, werden meine Gedanken oft zu Ihnen ins schöne Griechenland wandern. Wie schön muss // es jetzt da unten sein – ich beneide Sie beinah ordentlich, wenn es jetzt hier auch ganz prachtvoll ist. Alles ist grün und in Blüte. Der Flieder sieht so fein aus in seinem zarten Lila und duftet so schön. Ja, wir haben es wohl sehr gut! Sie müssten auch mal um diese Zeit nach Dresden kommen – da würden wir Ihnen unseren schönen Garten in seiner ganzen wilden Pracht zeigen – das wäre schön, wenn Sie wiederkämen – wir würden uns wolh [!] schrecklich drüber freuen. Die Tage Ihres lieben Besuches sind uns unvergesslich und werden immer eine unserer schönsten Erinnerungen bleiben.
Wir kommen eben aus Berlin zurück – fast drei Wochen wa- // ren meinen Schwestern und ich dort bei guten Freunden zu Besuch. Wir haben die Grossstadt mit allen ihren Chikanen, Annehmlichkeiten u. Nachteilen genossen und freuen uns jetzt hier wieder der häuslichen Ruhe. Viel, viel haben wir gesehen. Zum ersten Mal das neue Kaiser Friedrich Museum, das uns sehr gut gefallen hat. Natürlich urteilen wir nur nach Laienart – aber bei solchen Sachen finde ich es beinah richtiger, als wenn jeder Kenner nach seiner Seite hin krittelt und von seinem Wege natürlich auch nicht abgehen will. Manche Sachen wirken ja wirklich nicht schön, aber im allgemeinen trägt das Ganze einen vornehmen Charakter und man sieht sich die Ge- // genstände mit grosser Freude an und hat etwas davon – und das ist die Hauptsache. In der Nationalgalerie war eine Menzelausstellung – was hat der Mann nicht alles geleistet – ich glaube es giebt selten so vielseitige Menschen, vielseitig in einer Kunst. Der hat gearbeitet und sein Leben ausgenutzt. Und das Pergamonmuseum – da glaubt man sich beinah in Griechenland, und mit etwas starker Phantasie könnte man diese Gedanken vielleicht auch erreichen. Lehrsens haben wir auch besucht. Sie fühlen sich noch immer sehr unglücklich, und Herr Lehrs kann sich mit seiner Stellung, auch noch nicht abfinden – es ist eben etwas ganz anderes wie hier in Dresden. //
II
Man kann ihre Verzweiflung verstehen. Sie haben eine äusserlich nette Wohnung, wo aber kein Sonnenstrahl einkommt – u. nach einem eignen Häuschen ist es natürlich schwer, sich in Mietwohnungen zurechtzufinden. Jedenfalls tuen uns allen Lehrsens sehr leid. Wir haben einen gemütlichen Abend bei Ihnen verlebt und dachten an die Dresdner Zeiten. Die letzten drei Tage unseres Aufenthaltes kamen die Eltern auch nach Berlin und das war eine nette Zeit, und Mama hat sie auch ganz gut überstanden. Etwas anstrengend ist es schon in solchen Trubel zu kommen und dabei viel sehen zu wollen, und viele Bekannte zu besuchen. // Von Treu’s werden Sie wohl selbst Nachricht haben, Frau Treu ist eben nicht ganz wohl, hat immer mit Halsgeschichten zu tun – hoffentlich wird es aber bald wieder gut. Prof Treu hat uns wieder aufgefordert seine Vorlesungen, die er Volksschullehrern hält, mit anzuhören, hinter dem Vorhang. Diese Vorträge sind immer ganz famos, wie Sie sich denken können – man bekommt so ganz neue Begriffe und durch die Bilder und Skulpturen wird alles so schön klar. Papa hat jetzt viel zu arbeiten, zu Pfingsten wollen wir aber wieder ein paar Tage in die Mühle – zu Ostern sind wir // dort noch in Schnee gewatet, und es hagelte und schneite – aber wir waren eine lustige Gesellschaft zusammen, dann ist es immer schön. Für Papa wird diese Jahreszeit für dort aber besser sein, und dann geniesst man noch nicht. Ebba lernt immer noch fleissig Latein und griechisch, und lernt allmählich den Gedanken kennen, dass sie auch kein Kind mehr ist, d. h. Kinder wollen wir ja alle noch sein – aber mancher Beziehung ändert sich doch vieles, und sie diesen Jahren doch fast am Allermeisten. Sophie besorgt Hühner u. Blumen und liest ernst (was sie eben // treibt, tut sie ernsthaft[)]. Wir werden jetzt alle zusammen engl[.] Geschichte treiben u. Vorträge darüber hören. Sonst haben die Schwestern noch Zeichenstunde u. wir alle spielen unser Klavier – aber die übrige Zeiteinteilung bleibt uns selbst überlassen – und das ist nicht immer ganz leicht.
Siehe Frau Nielsen, bitte verzeihen sie [!] mir diesen Unsinn, es ist eine rechtes Durcheinander und es steht nichts vernünftiges drin. Aber Sie werden schon nachsichtig sein. Also nochmals vielen innigen Dank von uns dreien u. viele herzl. Grüsse, auch von den Eltern.
Ihre dankbar ergebene
Mary v. Seidlitz