Anne Marie Carl-Nielsen
1906-11-25
Transcription
Blasewitz, 25. 11. 06
Liebe Frau Nielsen,
Ich habe Ihre Ausstellung gesehen, Prof. Treu konnte leider nicht hinkommen. Doch habe ich ihn geraten, bei Ihnen anzufragen, ob nicht der Bacchusknabe ihn ins Albertinum zu Ansicht geschickt werden kann, da mir dieses Werk ausserordentlich gefällt, sowohl der Auffassung der Kinder- / Körper wie auch der Durchführung nach. Ob der Minister das Geld dafür bewilligen würde, // wenn Treu es beantragt, kann ich bei der hiesigen eigentümlichen Zuständen nicht wissen, doch würde ich es nach Kräften befürworten. Sie könnten es also schon riskieren; passt es Ihnen nicht jetzt, so kann es auch im nächsten Jahr geschehen.
Zu Ihren Fortschritten auf der Bahn der Plastik wünsche ich Ihnen von Herzen Glück. Behalten Sie nur immer die Gestaltung der Hauptform im Auge und hüten Sie sich vor zu // grossen Detaillierung. Die ausgestellte Werke geben mir zu dieser Bemerkung keinen Anlass; aber wenn ein Künstler von dem malerischen Modell zu abgerundeter Durchführung übergehen im Begriff ist, wie gerade Sie jetzt, so droht naturgemäss einem jeden die Gefahr. Michelangelo scheint mir das ewige Muster dafür zu bieten, wie sich das vermeiden lässt, während Donatello nicht immer / dieser Gefahr entronnen ist.
Mit besten Grüssen von Haus zu Haus
Ihr
ergebener
Seidlitz
Meine Frau dankt sehr für Ihren Brief.