Anne Marie Carl-Nielsen
1910-06-22
Transcription
Blasewitz 22. Juni 1910
Liebe Frau Nielsen,
Es freut mich sehr, dass der Ankauf des Bacchus endlich hat zu stande kommen können und dass die Galvanoplastik für Ihr Reiterdenkmal sich so billig stellt.
Nun kann ich Ihnen etwas mittheilen, das Ihnen bei diesem Reiterdenkmal wird zu gut kommen können, und daran ich sicher bin, dass Sie es richtig verstehen und daher gern hören werden.
Ein Künstler, den ich Ihnen nicht nennen werde – Diez natürlich ist es nicht – , äussert // mir gegenüber über Ihren Bacchus, das sei Dilettantenarbeit. Nun weiss ich aus Ihren Pferdestudien und sonst, dass der Ausdruck falsch gewählt ist, weil Sie, wenn irgend jemand, die Form in ihren Einzelheiten und in ihrem Zusammenhang wirklich kennen, also nicht darauf angewiesen sind, sie nach der Natur zu kopieren. Sie brauchen also nicht zu erschrecken. Aber etwas wird damit gemeint sein, dass ich mich dabei erkläre, dass Sie über den Herausarbeiten der einzelnen Formen des Ganze, nämlich den bewegten Organismen – nicht die Stellung der Figur – zu sehr aus dem Auge gelassen haben. //
Um solcher Kritik zu entgehen möchte es aber gut sein, wenn Sie bei Ihren Reiterdenkmal alle Figuren mehr aus dem Kopf arbeiten und freier und allgemeiner auf die grosse Zusammenhänge der Muskeln und Knochen bearbeiten. Und das wird Ihnen nicht schwer fallen, auf eine solche Vereinfachung einer Verallgemeinerung hinzuarbeiten, sobald Sie mit Ihre Aufmerksamkeit darauf gesichtet haben werden.
Einer der in solcher, wenn Sie wollen „Dekorativer“ Art zu arbeiten gewohnt, wird leicht zu hart in seinem Urteil sein. //
Zeigen Sie mir bitte gelegentlich durch ein Wort, ob es mir gelungen ist, mich Ihnen verständlich zu machen. Denn ich hoffe mit Zuversicht Ihnen durch diese Bemerkungen eine Dienst erwiesen zu haben.
Mit besten Grüssen von meiner Frau, die sich ein paar Wochen in Swinemünde bei Stettin erfrischt hat, und von meinen Töchtern.
Ihr
ergebener
Seidlitz