Anne Marie Carl-Nielsen
1905-04-16
Transskription
Berlin d. 16. / 4. 05.
W. 49 Behrendstr. 70
Verehrte, gnädige Frau,
ich bin in der allergrössten Verlegenheit über meine Nachlässigkeit und Unordnung. Ich kann trotz allen Suchen nicht finden, wo ich mir die Höhe des von mir Ihnen geschuldeten Betrages notiert habe, und meine Gedächtnis lässt viele ebenfalls im Stich; ich darf Sie daher um die Liebenswürdigkeit bitten, mir darüber nach der Ihnen nach der Ihnen gesandten Aufzeichnung eine umgehende kurze Mitheilung zu geben zu lassen. Es ist mir so sehr penibel, jenes Deficit noch nicht gedeckt zu haben, und ich fürchte fast, dass Sie mir zürnen.
Mein Brief ist doch gewiss in Ihre Hände gelangt. //
Ich habe die Ostertage bei meinen Eltern und Schwiegereltern in Leipzig zugebracht – es waren traurige, unendlich traurige Tage. Sie vermögen ja nicht zu ahnen, wie furchtbar, über alles menschliches Mass hinaus mein unglücklicher Vater zu leiden hat und wie die Mutter in seiner Pflege auch zugrunde geht. Es zerreisst mir das Herz, solchen grenzenlosen Jammer mitanzusehen ohne Linderung und Hilfe bringen zu können. Da entstehen dann trostlose, bis zum Lebens Überdruss erweckende Gedanken über die Nichtigkeit u. Armseligkeit von Menschen-Dasein u. Menschen-Los.
Doch ich will mich durchkämpfen. Es ist ja nur das einzelne Menschlein, das so leidet, das elend ist, das verdirbt u. stirbt – das All-Leben aber ist so reich, so voll, so schön, so fein und vielseitig, ein unerschöpflicher und unermesslicher Strom. Einst fuhr ich fröhlich mitten darauf, alles höchstens Selig- // keit voll – bis jenes Furchtbare kam und die sturmgepeitschten Wogen mein Schifflein zerbrachen. Ich bin nicht untergegangen und habe das Ufer gewonnen, aber wie! Zaudernd u. elend bin ich dann immer entlang geirrt, als dürfte ich nimmer wieder neue Fahrt wagen. Soll ich’s jetzt? Als rechter, guter Zuschauer möchte ich noch einmal fahren u. all, all die bunte Herrlichkeit so recht mit Herz u. Seele erfassen u. verstehen, die auf dem Strome treibt. Vielleicht gelingt es, vielleicht scheitere ich zum anderen Male und dann hinüber in’s grosse, ewige Nichts. – –
Ich bin noch ganz in chaotischer Unordnung und darf vorläufig noch nicht an rechten Arbeiten denken Man hat die diesjährige Kunstausstellung eröffnet; ich bin voller Erwartung und harre nur, dass meine Freundin, Frau Dr Plehn, aus Italien nach B zurückkehrt, um zusammen mit ihr hinzugehen. Auch die Menzelausstellung in der Nationalgallerie will ich in diesen Tagen recht geniessen.
Und Sie? – ich möchte so gern hören, wie Sie heimgekehrt sind u. alles gefunden haben u. was Sie arbeiten. Werden Sie mir einmal schreiben? // Haben Sie Nachrichten aus Athen? – über den Congress?
Mit vielen herzlichsten Grüssen an die liebe Reisegefährtin
Ihr Max Kiessling