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Anne Marie Carl-Nielsen

1907-12-24

Transskription

Wilmersdorf Motzstr. 51
Am heiligen Abend 07.

Liebe verehrte Freundin,

ich dachte gerade in diesen Tagen sehr an Sie und wollte Ihnen heute einen Gruss und gute Wünschen senden – da kommen Sie mir noch zuvor! Ich habe mich so vom Herzen über Ihren Gruss gefreut; es macht so vergnügt und froh, da und dort einen guten Freund zu wissen, der sich an uns auch ungemahnt erinnert.
Herzlichen Dank!
Alle guten Wünsche sende ich Ihnen und den Ihren für dies Fest und vor allem für das bald beginnende neue Jahr. Als besonderen egoistischen Wunsch für mich füge ich die Hoffnung hinzu, dass es Sie bald wieder zu uns nach Berlin // führe.
Ich diktiere jetzt mein Buch in die Schreibmaschine, kann aber seit zwei Wochen garnicht mehr, weil ich wieder mal ganz herunter bin.
Das macht aber garnichts, weil ich diese vergangenen Tage so Wunderschönes erlebte und an diesem Weihnachtsfest weiterleben will. Ich darf Ihnen nicht sagen, was es ist, wohl aber, dass ich seit jenem überglücklichen, unbeschreiblichen Natale 1907 auf der Höhe des römischen Esquilins zum ersten Mal wieder Weihnachten feiern werde. Wenn Sie wüssten, wie glücklich ich bin! Es ist mir, als sei all das Trübe und Entsetzliche dieser letzten sechs Jahre nur ein Traum, ein schlimmer Traum gewesen und als setzten sich nun all das Glück und // die Wirklichkeit von damals unverändert, ungemindert, ununterbrochen fort. Ja, ich knüpfe ganz an „damals“ an.
Wie ein glückliches Kind steche ich die Lichter auf „unserem“ Tannenbaum.
Genug, sonst kann das übervolle Herz sein schönes Geheimnis doch nicht wahren.
Liebe, verehrte Freundin!
Leben Sie wohl und nehmen Sie herzlichst
Grüsse und Wünsche an
von Ihren getreuen Kiessling.

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