Anne Marie Carl-Nielsen
1907-03-07
Transskription
Wilmersdorf – Berlin
Motzstr. 51. am 12.3.07
Verehrte gnädige Frau,
es ist eine besondere Bitte, die mich veranlasst, gerade heute an Sie zu schreiben, und die ich an Sie richten möchte. Unmittelbar in diesen Tagen kommt Dr Rüdin, der Mitherausgeber des Ploetzschen Archivs für Rassen- und Gesellschaftsbiologie nach Kopenhagen, in einer besonderen Mission. Er wird sich erlauben, mit meiner Empfehlung Ihnen und Ihrem Herrn Gemahl in Bälde einen Besuch zu machen. Ich möchte Sie recht herzlich bitten, ihn freundlich aufzunehmen und namentlich durch weitere Empfehlungen zu unterstützen. Leider hatte ich bei Ihrer letzten Anwesenheit hier in B. noch keine Autorisation, Ihnen // von gewissen Bestrebungen zu sprechen, die ein Kreis von Männern und Frauen in’s Leben gerufen hat. Sie wurzeln in der Rassenhygiene. Ich will mich nicht näher darüber verbreiten, weil ich hoffe, dass Sie Dr Rüdin Gelegenheit geben, Ihnen eine ausführliche Auseinandersetzung zu geben. Sie macht sich mündlich viel einfacher. Nur soviel, dass ausser Dr Ploetz und mir Rüdin in der Linie an der Begründung seines rassenhygienischen Gesellschaft beteiligt ist. Wir haben seit über einen Jahr in aller Stille und Verschwiegenheit das Programm ausgearbeitet und vorläufig nur eine kleine Anzahl auserlesener Menschen in Deutschland, der Schweiz und Österreich eingeweiht und gewonnen. Jetzt soll nur noch dem inneren Ausbau die breite, internationale Propaganda beginnen, bei // der uns zunächst vor allem daran liegt, eine Reihe der besten Dänen und Skandinavier zu gewinnen. Die Zur Durchführung dieser Aufgabe schicken wir Dr Rüdin jetzt nach dem Norden. Dr Ploetz selbst wird nach Holland, England, Amerika reisen, ich selbst für meine Person habe mir, meinen schwachen Kräften angemessen, Österreich vorbehalten, wo mich namentlich Frau Dr Morawitz unterstützen wird. Ich So viel zu Ihrer allgemeinen Orientierung, alles Nähere hören Sie von Rüdin. Ich würde mich herzlichst freuen, wenn er Sie selbst und Ihren Gemahl gewinnen würde. Über mich lässt sich nicht viel Gutes beizufügen. Meine Neurasthenie plagt mich noch heftig, sie kann eben günstigenfalls in Jahren gebannt werden. Aber ich nehme // mich nach Kräften zusammen und arbeite, in dem ich ein ganz zurückgezogenes, möglichst einsames Leben führe. Prof. Sieglin ist hoffnungslos krank und wird wieder ganz von mir vertreten. Wir sind nun auch übereingekommen, dass ich im Laufe der Jahre all seine angefangenen und kaum zur Hälfte ausgeführten Arbeiten vollende. Die Wissenschaft der historischen Geographie steht nun ganz auf mir allein. Es könnte eigentlich alles sehr gut sein, wenn Frau Dr Morawitz Ihr Leben mit dem meinen vereinigen wollte. Sie hat mich sehr lieb, aber die Hemmungen und negativen Kräfte in ihr sind zu stark, als dass sie je diesem Gefühl zu weit tragenden Schritten nachgeben könnte. So lebt und praktiziert sie in Wien und ich sitze hier – beide im Grunde unendlich vereinsamt. Ich empfinde ja tief und oft mit stillem Glück, wieviel besser ein einsames, in sich gekehrtes, weltenfernes Leben ist. Aber die Gedanken an den anderen machen es doch manchmal bitter und in Sehnsucht unruhevoll. Aber ich will tapfer meine einsame Strasse weiterziehen, nicht klagen und arbeiten. // [forneden på første side:] Wie geht es Ihnen? Sind Sie wohl, arbeiten Sie fleissig und haben Sie Freude? Ach, schreiben Sie mir doch einmal! Herzlichste Grüsse in Treue
Ihr Max Kiessling.
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