Anne Marie Carl-Nielsen
1904-12-30
Transskription
Blasewitz 30te Dec
1904
Liebe Frau Nielsen
Das neue Jahr soll doch nicht beginnen, ehe ich nicht dazu gekommen, Ihnen sehr zu danken, für Ihren lieben Brief, der mich & all die Meinen, sehr erfreut & natürlich hätte ich es gern früher getan, wenn Weihnachten nicht eine zu all mächtige Rolle spielte & jedes Stündchen an freier // Zeit, doch wieder in Anspruch nehme. Haben wir nun auch nicht geschrieben so haben wir viel von Ihnen gesprochen, es muß Ihnen in den Ohren geklungen haben, von all unsern Reden & Ebba war so glücklich im Besitz des schönen Kunstwerks & alles nun doppelt stolz Sie zu kennen & in meiner Verehrung an Ihnen zu hängen. Meine Töchter danken auch sehr für die Karten aus Italien es war ihnen, doppelt freundliche Grüße. Lehrs’ens zogen vor 14 Tagen nach Berlin & wohnen jetzt Berlin W Landshuterstr No 4. Sie // wissen wie schwer es uns wurde, sie ziehen zu lassen & ihnen war es wol nicht minder schwer & in Berlin haben sie schlecht an / gefangen, Frau Lehrs ist gestürzt beim auspacken in der neuen Wohnung & hat sich den Ober / arm gebrochen, gelegen kommt ja so etwas nie aber schlimmer konnte es nicht sein, gerade Frau Lehrs, die so die Seele des Ganzen & überall gewohnt ist anzugreifen & Ordnung zu schaffen, natürlich ist sie nun nervös & mißmutig aber nun hoffen wir bald auf bessere Nachrichten. Hier ist inzwischen, der Unfähigste // von Lehrs seine Assistenten sein Nachfolger geworden – die Bestimmung ist getroffen über meinen Mann hinweg obgleich dies seine Sache ist, hat man ihm die fertige Tatsache vom König unterschrieben ins Haus geschickt & nun kann wol so ein Minister wechseln aber solch Direktor sitzt wenn er lebt, für einige Zeiten fast jedenfalls immer lange genug um alles allmächtig zu Grunde zu richten, was Lehrs geschaffen. Die schmutzige Anklage gegen den Direktor der Zoologischen Sammlungen, geht auch noch ihren Gang, mein Mann hofft sie gut zu Abschluß zu bringen aber manchmal fürchte ich daß es Illusion // Kurz es sah wenig freundlich aus & wir hatten böse Stunden / für Weihnachten wurde Alles etwas me.. gefegt aus Haus & Sinn & so verlebten wir unter unserer schönen Tanne ein fröhlicher Fest, was aber das neue Jahr bringen wird, daran denkt man mit Bangen, denn der schwerste Kampf ist gegen der Menschen Unvermögen gegen U…lichkeit & Unnoblesse. Sie haben es ja auch erfahren, wie selbst die Herrn der Wissenschaft verfahren, uns hat Ihr Bericht sehr interessiert, ich // habe v Geh. Treu vorgetragen der mir nur nicht recht Glauben schenken wollte, aber ich lese ihm noch den Brief vor. Treu hat auch wieder schwere Wochen verlebt, er hat eine Schwester, an schwerer Krankheit sehr plötzlich verloren & ich bin nun doppelt froh, daß er die liebenswürdig nette Frau zur Seite [hat]. Meinem Mann geht es mit dem Fuß noch nicht viel besser, die Schiene als Stütze scheint nicht viel zu nützen, weil sie wol nicht ganz richtig ausgeführt, für Massage scheint der Arzt nicht // zu sein & so ist noch kein Masseur genommen & ich versorge so gut ich kann, ein Wenig habe ich von Ihnen gelernt, das K…t & so hofft man das all / mählich a[u]ch Besserung einstellt. Die Mädchen sind sehr guter Dinge zeichnen fleißig machen all möglich nette Arbeiten nach ihren Gedanken & hatten viel Freude an einem Art Turn-Tanzstunde von einer jungen Engländerin gegeben die sehr anmuthig & hübsch sind & den Mädchen viel Vergnügen machen, so daß sie sonstige Tanz ver- // gnügungen gern entbehren. So schön es in Ihrem herrlichen Süden & so anregend all das Schöne, daß Sie sehen so wird es in der Fastezeit Ihnen schwer gewesen vom Hause fort zu sein, nun haben Sie gute Weihnachten & werden Sie mit demselben gut versorgt dann überwindet Ihre Kunst auch alle solche Schwierigkeiten. Von meinem Mann & Töchtern soll ich sehr grüßen & Ihnen meine Wünsche für dieses beginnende Jahr sagen, ich schließe mich im Herzen den Wünschen an & grüße Sie
[i venstre margen:] herzlich & in meiner Verehrung Ihre
Constance v Seidlitz