Anne Marie Carl-Nielsen
1907-01-06
Transskription
Göttingen Goldgraben 20, 6/1 – 07.
Liebe verehrte Frau Nielsen,
Jetzt jährt sich so ungefähr unser Ausflug nach Ägina! Lili hat vor einigen Tagen mit dem jungen Liscos‘ Erinnerungen gefeiert; ich war wieder einmal grade abgereist. Aber das bedaure ich sehr viel weniger als im Herbst Sie selbst und besonders auch Ihre Ausstellung versäumt zu haben – das kommt doch so leicht nicht wieder, und die Photographie wird doch grade der Plastik nur sehr unvollkommen gerecht. Sehr betrübt war ich auch, durch Lili zu hören, dass Sie einen schlimmen Arm hatten – ungefähr das Unangenehmste, das Ihnen begegnen konnte, ich kann Sie mir gar nicht ohne thätige Arbeit denken! Von Herzen hoffe ich, dass die böse Verletzung endlich // überwunden ist und Sie Ihren Lebenselement und Beruf zurückgegeben sind. [indskud i øverste margen:] Dass Sie Ihren schönen Brauch, am Neujahrstag zu arbeiten, haben treu bleiben können? [indskud slut] Das ist der Hauptwunsch, den ich zum Jahreswechsel für Sie hege – zusammen mit dem Wohlergehen der Ihrigen; dann steht es schon gut mit Ihnen? Sehr glücklich wären wir, Lili u. ich wenn Sie einer von uns ein Wort Nachricht zukommen lassen könnten, wie es Ihnen geht, nur hoffentlich Gutes!
Ich meinertheils bin fleissig, ohne bisher viel Resultate zu sehen – ich habe nämlich dies Jahr über fast unausgesetzt unterrichtet, und daneben wird nicht viel, wie Sie ja wissen. Doch hat mir mein Sommercursus eine Studienreise nach Anticoli bei Rom ermöglicht, wo ich (freilich zu kurze Zeit, aber dafür um so concentrierter und ungestörter) eine Haufen Modellstudien gemacht habe // die ich zur Ausführung meiner griechischen Conceptionen nöthig hatte. Nun warte ich auf der Frühling (wo ich zu Hause einen geeigneten Arbeitsraum haben werde) um mich darauf zu stürzen. Inzwischen habe ich hier in Göttingen ein neues Arbeitsfeld für meinen Unterricht gefunden, u. wohne bei meiner Schwester, was menschlich eine grosse Freude ist, künstlerisch weniger günstig, denn ich lasse mich allzusehr in das sehr vergnüglich und vielseitige Leben des Hauses hineinziehen. Die eben aufwachsenden anmuthigen Töchter sind sehr musikalisch, Violin, Clavier, 3 stimmiges Gesang die beiden Jungens gescheite u. originelle Kerlchen, und das blonde „Baby“, eben 4 Jahre geworden, bezückend amüsant. Dazu kamen noch Dienstboten ..the u. Krankenpflegerei (im Kleinen glücklicherweise nur) sodass das erste Qvartal wirklich wenig fruchtbar für die mitgebrachten Arbeiten gewesen ist. Ich hoffe in diesem soll es besser werden. // In den Feiertagen war ich daheim. Können Sie sich unsere Garten im dichten Reif denken? wie er jetzt volle 8 Tage lang unter windstillen Himmel, Nachts silbern im Mondschein bei starkem Frost gestanden hat? Das war schön; ganz reizend auch der Weihnachtsabend in „Udröst“, wo der Tannenbaum im Garten mit Lichter besteckt war u. die Kinder, davor u. vorm Mond beleuchtet, auf den bescheinten Balcon Weihnachtslieder sangen. – Alard’s sind in den Tagen einen Unglücksfall ganz nah gekommen; ihr Felix ist auf der Strasse in Berlin unter eine elektrische Bahn gerathen, glücklicherweise hat er aber soviel Gewandtheit, Geistesgegenwart oder Glück gehabt, dass er nur eine leichte, (seitdem schon geheilte) Kopfwunde bekommen hat. Aber man wagt nicht, anzudenken, wie es hätte gehen können. Charakteristischer Weise ist Alard mit ihm und Fanny trotzdem gleich am folgenden Abend auf eine Skitour im Harz abgereist! die aber zum Vergnügen Aller u. gut abgelaufen ist. - //
2)
Eine grosse Freude haben Lili u. ich an Ilsen’s Verhalten gehabt in letzter Zeit. Sie werden von Lili alle Erkundigungen, Überlegungen, Zweifel und Schwierigkeiten gehört haben, die uns diese Sache noch den ganzen Sommer über bereitet hat. Schliesslich ist das Einfachste, gewiss auch das Vernünftigste geschehen. Zunächst ist Ilse nach ihrer mannigfachen „Erholungen“ und Badereisen wirklich körperlich frischer, vor Allem aber – u. das ist die Hauptsache u. das Überraschende – moralisch in viel besserer Verfassung zurückgekommen, hat sich ganz bereit u. eifrig in Berlin in Pension begeben, nicht bei // ihren üppigen Freunden oder sie vergötternden Verwandten, sondern „tout bonnement“ in Pension; es geht ganz fleissig zu – Leonie-Funcke Arbeiten, – was meines Erachtens zunächst ganz fördernd genug für sie ist. Die Technik und das Lernbare kann sie dort jedenfalls auch ganz gut lernen; das Unlernbare muss ihr ja doch von selben kommen, u. kommt nun auch hoffentlich wieder! Zu Weihnachten hat sie Lili mit einer Skizze erfreut, die, glaube ich, auch Ihren Beifall haben würde – sie stellt Felix beim Bogenschiessen dar (dies ist der neueste Sport meiner Brüder u. Felix’s) – frisch, ähnlich, energisch in der Stellung, höchst einfach u. selbstverständlich u. sogar in Kleidung in Allem …, // direct aus ihren wirklichen Umgebung geschöpft – kurz, wir haben wieder Hoffnung dass doch noch was herauskommt für ihrer Plastik. Auch hat sie im Atelier bei einer Concurrenz (Brunnenfigur) den Preis bekommen, u. Levin F: hat ihr vorgeschlagen, die Skizze auszuführen, u. meint, sie werde sich leicht verkaufen. Das ist kein Ziel, um danach zu arbeiten, aber ihr Ehrgeiz ist damit angeregt, u. ich glaube, ihr grade wird es sehr gut sein, sich zu zwingen, einmal was fertig zu machen, u. das in grösserem Masstab. – Verzeihen Sie, dass ich Sie so lange damit aufhalte; Sie haben damals so freundlich u. eingehend unsere Sorgen getheilt, dass ich Ihnen doch auch berichten wollte, wie sich die Sache weiter entwickelt – und dass sie es thut, woran wir damals ja ziemlich verzweifelten. //
Leider habe ich in Berlin – oder vielmehr von Potsdam aus – durch eine Reihe von Hindernissen die Bartholomé-Ausstellung bei Keller & Reiner nicht mehr gesehen. – Hier in Göttingen gibt es nur Wissenschaft u. keine Kunst (– höchstens Musik; –) dafür habe ich das Gefühl, mit meinem Unterricht, bei dem ich möglichst viel allgemeine Gesichtspunkte mit berühre – wirklich einem Bedürfnis entgegenzukommen. – Uns allen ergeht es nach Wunsch, nur unser Jüngster, der Chemiker, macht uns durch seine Gesundheit u. geschäftliche Mühsal Sorge, es ist schwer jetzt für e. jungen Menschen in Berlin voranzukommen, der wie er durch die Anstellung damals in Transvaal aus der regelrechten „Carrière“ herausgekommen ist, und für den Kampf ums Dasein nur mit Fleiss u. guten Willen, nicht mit Zähnen u. Ellbogen gewappnet ist. Mein ältester Bruder, von Natur ähnlich geartet, hat jetzt plötzlich „auf seine alten Tage“ nach jahrelanger stillen Praxis als Augenarzt, aus heiterem Himmel eine Anstellung in China, Shanghai, zur Begründung einer Medicin-Schule bekommen, u. wird nun seiner alten Wunsch, die Welt u. andere Zonen [?] zu sehen, wider Erwarten noch erfüllen. Auch seine Frau wird für den Posten dort vortrefflich passen; für uns ist’s eine grosse Trennung, 5 Jahre! Aber genug. Nochmals Ihnen u. den Ihren Alles Gute, uns geben Sie einmal wieder Nachricht Ihre herzlich ergebene
Lucy du Bois-Reymond.