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Anne Marie Carl-Nielsen

1914-04-18

Transskription

Barby. 18 – 4 – 14.

Liebe Frau Nielsen!

Ich weiss nicht ob mein Brief Sie erreichen wird, aber ich sehne mich schon lange danach an Sie zu schreiben und von Ihnen Allen zu hören, und so will ich es doch wenigstens versuchen! Ach, wie anders hatten wir uns diesen Sommer gedacht! erst hatten wir mit unsern Kindern u. Geschwister das Fest unserer silbernen Hochzeit feiern wollen, und dann wollten mein Mann u. ich mit Fanny u. Felix ganz stille, schöne Zeit an einem der schwedischen // Seeen verleben – auch auf dem Rückweg auch mit Ihnen Allen zusammensein! Ich lege Ihnen ein paar Verse ein, die ich am Tage unserer silbernen Hochzeit – 10. August – geschrieben habe, und die die Stimmung dieser ersten Tage wiedergeben. – Seit dem scheinen Jahre, nicht Wochen vergangen zu sein – solche Umwälzungen des ausseren u. inneren Lebens hat man durchgemacht. Sie, die Sie nicht leider auch mussten die unsäglichen Lügenberichte der englischen Blätter zu lesen bekommen, können sich von der Stimmung hier keinen Begriff machen. Nachdem jetzt unwiderleglich, durch englische u. französische u. russische Doku- // mente, die in unsere Hände gefallen sind, bewiesen ist, dass dieses Allgemeine …fall von der Tripelentente seit vielen Monaten sorgfältig vorbereitet war, seit man weiss dass schon im März musste Berliner Militair an unsere Grenzen schufften, dass Belgiens „Neutralität“ die England hemblich zum Kriegsvorwand nahm – von England, Belgien u. Frankreich längst nicht beachtet worden war – besonders aber seit man weiss welches schamlosen Lügen England‘s bezahlte Preis …ierten überall schon seit Jahren gegen uns verhestet haben u. jetzt verhesten ist eine namenlose Erbitterung besonders gegen England im ganzen Volk entstanden. Von Frankreich u. Russland erwarte man ja schon [?] unsere Vernichtung // dass Ziel ihrer Wünsche … – von England – dem wir uns verwandt u. befreundet wähnten empört es uns auf’s Tiefste - England das sogar Bad Japaner u. Inder gegen uns herbeiruft, dessen Hauptzeitung (Times) davon spricht Deutschland wäre „platt gewalzt, jeder Deutsche erschossen werden – „ und das Alles ans schnödene Krum…li.. – ohne jedes höhere Motiv – man sieht in einen solchen Abgrund menschlicher Niederträchtigkeit dass man schaudert!
Das Alles hat aber unser ganzes Volk begeistert zu einem Opfermuth einer Hingabe die ebenso beispiellos sind wie diese Überfall auf uns. Eltern die alle ihre Söhne im Felde haben, Braute, Frauen, alles ist // ohne ein Wort der Klage bereit sein Lichtes hinzugeben! Was ahnen denn alle diese Andern – diese Amerikaner u. Engländer was ein Volksheer ist? Das sind keine bezahlten Söldner – das sind wir unser theures Fleisch u. Blut, unser Stolz u. unser Zukunftshoffnung! Und was wissen diese Insulaner davon was es bedeutet zwischen zwei erbittert uns hersenden Völkern eingeklemmt zu sein, die nur darauf lauern über unsere Grenzen du…gend zu machen u. brennen wie die Russen es leider in unserm schönen Ostpreussen kurze Zeit lang tun durften! – Wir sind 44 Jahre lang friedlich gewesen und gutgläubig bis an die Grenze des Selbstvernichtung, während England an der Spitze – durch Bestechung und // Verleumdung in der ganzen Welt schon eine Frieden an unserer Vernichtung gearbeitet wurde, so dass es jetzt kaum mehr zu gelingen scheint dieses Nessushemde der giftigen Verleumdung zu zerreissen – aber nun endlich sind wir aufgewacht und sie werden sehen was sie angerichtet haben als sie diesen Weltbrand frevelhaft entzündeten!
Ich will Ihnen von uns erzählen: Alard (dessen Geschäft still steht aber noch 25 Beamten ihren Lohn bis Neujahr zahlt) ist seit dem Kriege in Kiel wo er eine der S… nützliche Ingenieurthätigkeit gefunden hat. Felix ist bei einem Lazareth in seiner Nähe, hofft aber bald hier aus zukommen. Roland ist // als Kriegsfreiwilliger bisher nicht genommen worden, weil zu grosser b..d..ung war, hofft aber sicher jetzt anzukommen. Phönix u. …ten, liebe kleine Pige, sind gewiss schon lange erschossen in Frankreich. Unser Haus ist ganz klein geworden. Lea wohnt bei Wilamo…itens um von da aus … Berliner Stunden zu nehmen. Lola ist Privatsekretairin bei’m Präsidenten vom roten Kreuz. Am 1. Oktober gehen unsere .en..lche u. Fanny u. ich werde dann allein das Haus besorgen – es kann sein dass wir noch ein paar ostpreussische Flüchtlinge aufnehmen. Vielen Dank für die Vermittlung von Mants Briefen – sie ist jetzt nach Hause gereist mit 400 Engländerinnen aus Berlin. Sie mussten alle // schwören keine deutschen Zeitungen mitzubringen weil England so entsetzlich Angst hat die Wahrheit könnte durchdringen. Gewiss werden sie auch nicht erzählen dürfen wie gut es ihnen in Deutschland gegangen ist – aber Mant war entschlossen das zu tun.
Göttingen 29. 9.
Diesen Brief hatte ich in Barby angefangen – das ist nahe bei Felix u. Mant die ich besucht hatte. Dann ist es leider lange liegen geblieben u. ich schicke ihn von hier aus fort, wo ich bei meiner Schwester bin.
Tausend herzliche Grüsse Ihnen Allen, besonders unsere lieben lille Pige, u. schreiben Sie uns bald einmal – jeder Freundesbrief tut jetzt besonders wohl.
Vom Herzen Ihre

	Lili duBois-Reymond

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