Anne Marie Carl-Nielsen
1906-06-09
Transskription
Wilmersdorf Motzstr. 51 d. 9. 6. 06.
Verehrte gnädige Frau
ich habe innigste Freude gehabt von Ihren lieben, lieben Zeilen nach dem Pfingstgruss aus Kronberg das sie eingeleitet hat. Wäre ich doch dabei gewesen auf Ihrer Wanderung am brandenden Meere und durch die wogenden, duftenden Saatfelder Sjaellands! Ich habe das Gefühl, dass ich mich unter dem Banne Ihrer klaren, sicheren Augen endlich einmal wieder finden und sammeln könnte zu hoffnungsfreudigen, frischen Streben und Arbeiten. Und Sie hätten erleben können, dass in mir doch noch viel Gesundes sich birgt und der Erlösung harrt, Sie hätten erleben können, wenn ich mit Ihrem Knaben zusammen selbst wieder zum Jungen geworden wäre; ich glaube, dass ich’s noch könnte. Wo aber finde ich den Wiedererwecher, die Wiedererwecherin meiner flügellahmen Jugendkraft? Ich fühle, dass sie bald kommen muss, wenn die Schlacken um das brauchbaren und entwicklungsfähigen Feuer nicht schliesslich zu dick und unzerbrechlich werden sollen. Ich sehne // mich nach einem kühnen, stolzen Herzen, einem klaren, feinen Frauenkopf und einem flammenden, brennenden Fühlen; ich möchte als ein solches Ziel vor mir sehen, solch ein Wesen zu erringen, um den Preis höchster Kraftentfaltung und starker Leistungen. Doch das ist eitles Wünschen. Und so sehe ich noch keinen Weg, der animalischen Triebe in mir in der Einsamkeit der Studierstube und bei der stillen, reinen Flamme wissenschaftlichen Forschens und Denkens Herr zu werden. Es drückt mich schwer danieder, dass sie so stark sind und so roh an mir reissen , weil und mich gewaltsam Zerren [!], mein Sehnen u. Dürsten auch an unreiner Quelle zu stillen, weil ich den edlen, schönen Born nicht mehr finden kann. Aber ich verirre mich und ziehe an’s Licht, was besser im Dunklen des eigenen Herzens bleibt.
Ich habe nach Ihrem Befehl die Karte genommen und Ihre schöne freie Wanderung durch den nördlichsten Zipfel Ihrer Heimatinsel verfolgt; Sie wissen nicht, welch einen Wiederklang die Namen Gurre und Esrum, die Sie unter den vielen anderen, von Ihnen durchstreiften Orten nennen, in meiner // Brust finden. Ich habe gleich Jens Peter Jacobsen herbeigeholt und geschwelgt, von neuen geschwelgt in den zaubervollen Gurreliedern, die mir das Schönste scheinen und die ich neben das Hherrlichste Goethesche stelle. Und eine unbändige Sehnsucht steht in mir auf, auch einmal dort Einkehr zu halten und es zu erleben:
„Nun dämpft die Dämmerung jeden Ton
Von Meer und Land,
Die fliegenden Wolken lagerten sich
Wohlig am Himmelsrand.
Lautloser Friede schloss dem Forst
Die luftigen Pforten zu,
Und des Meeres klare Wogen
Wiegten sich selber zur Ruh“
u.s.w. u.s.w.
Ob man in dieser Natur wohl ganz frei und gesund und ein neuer starker Mensch werden kann?
Sie wissen nicht, dass Sie eine Fackel in meine Brust geworfen und ein Feuer angezündet haben. Nun trage ich mich wahrhaftig mit dem ernstlichen Gedanken, in diesem Sommer hinaufzufolgen in Ihr nordisches Land, zu diesen blonden, blauäugigen, nordischen Menschen, die ich so über alles liebe und bei denen ich so vieles zu finden hoffe, alles das, was ich so tief vermisst habe bei an den schwarzhaarigen Südländern, die mich auch nach jahrelangem Aufenthalt völlig Fremde geblieben sind wie // zuvor. Ja, ich will wahrhaftig hinaufkommen im Sommer und Sie bitten, und sei’s nur wenige Tage, mit mir zu wandern und mich Ihre Landsleute kennen zu lehren. Können Sie, wollen Sie? Ich möchte auch mal nach Nord-Jütland und Thisted sehen und Tjele und Kap Trafalgar, alles möchte ich sehen und sehen mit den Augen Jacobsens und suchen, ob wohl da und dort eine Marie Grubbe lebt oder ein Mogens.
Ich war die Pfingsttage ganz allein, mein Freund Kestan war heimgereist, und meine Mutter, die ich erwartete, kam nicht, weil sie krank war. So war ich sehr einsam und bei trübem, regnerischem Wetter recht unfroh. Plehns sind vor Pfingsten auf ihr Gut nach West-Preussen gegangen; ich habe Frau Plehn leider vorher nicht mehr gesehen und gesprochen; sie hatte mir gerade an dem Donnerstagabend, den ich mit Ihnen zugebracht habe, Botschaft gesandt, ich möchte noch kommen, weil sie am nächsten Morgen abreise. Sie fühlte sich noch elend, aber ich hoffe, dass die Ruhe des Landes sie bald wieder kuriren wird.
Nun freue ich mich vom Herzen, dass ich Sie vielleicht bald in Ihrem Heimatlande wiedersehen und sprechen werde. Das ist mir eine so liebere Hoffnung, als ich – Sie wissen es ja – nicht viele Menschen habe, die so gut und lieb // zu mir sind wie Sie. Umso mehr sehnt sich das Herz nach den Wenigen, an denen es besonders treu und fest haftet.
Denken Sie noch daran, dass Sie mir etwas von den Kompositionen Ihres Herrn Gemahls, namentlich die Gurrelieder, schicken wollte? auch die Photographie des Vaters Ihres Relief des alten Vaters, der seinen toten Sohn davonträgt? Und da ich einmal im Bitten bin, wollen Sie mir auch eine eigene Photographie schenken?
Ich freue mich, dass mein Vortrag über die alten Griechen Sie interessiert. Ein zweiter folgt demnächst und behandelt das von mir in Hellas gesammelte anthropologische Material; sobald er gedruckt ist, schicke ich ihn Ihnen sofort. Ich bin gespannt, was Sie für Fragen daran knüpfen wollen und hoffe, dass Sie sie mir bald stellen. Bitte, bitte, geben Sie mir doch manchmal solch ein Momentbild Ihres Lebens wie die Schilderung Ihrer Pfingst wanderung [!].
Schreiben Sie mir, bitte, auch, wann und wo ich meine Schuld à Conto Ihres Gie.ers begleichen soll.
Und nun leben Sie wohl für heute und // seien Sie viel, viele Male herzlichst gegrüsst
von Ihrem getreuen und dankbaren
Max Kiessling.
N.B. Mein Freund Kesten bittet mich, Ihnen seinen ehrbietigsten Dank für Ihren Gruss auszusprechen, den er sich gleicherweise zu erwiedern erlaubt.
Und nun, nochmals Addio und auf Wiedersehen! Ich werde Dänisch lernen!
Am nächsten Morgen:
Eben erhalte ich Ihre liebe Sendung mit Egil Skallegrimson und da ich den Brief noch nicht geschlossen hatte, kann ich Ihnen, verehrte Freundin, noch hier meinen innigsten Dank hinschreiben.
Nun muss ich aber bald Dänisch lernen, um die Verse aus „Sönnetabet“ verstehen zu können, die Sie mir beigeschrieben haben. Es ist sehr schwer, in Ihr, den Meisel verratenden Handschrift eine fremde Sprache zu lesen. Aber meine ist macht Ihnen sicher dieselbe Schwierigkeit.
Allerherzliebste Grüsse.